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Diagnostik

ADHS und Autismus im Erwachsenenalter

Informationen zu beiden Diagnosen getrennt – mit besonderem Fokus auf den oft übersehenen Einfluss hormoneller Veränderungen (Zyklus, Schwangerschaft, Wechseljahre) bei Frauen.

ADHS im Erwachsenenalter

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurobiologische Störung, die sich durch Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulsivität, Hyperaktivität und Emotionsregulation auszeichnet. Sie beginnt in der Kindheit, bleibt aber bei vielen Menschen bis ins Erwachsenenalter bestehen – häufig in veränderter, weniger offensichtlicher Form.

Kernsymptome im Erwachsenenalter

Aufmerksamkeitsprobleme

Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, häufige Ablenkbarkeit, Probleme beim Organisieren und Priorisieren von Aufgaben.

Impulsivität

Impulsive Handlungen ohne vorheriges Nachdenken, Neigung zu riskantem Verhalten, „dazwischenreden“.

Hyperaktivität

Innere Unruhe, Gefühl der Rastlosigkeit, Schwierigkeiten, still zu sitzen – oft als inneres „Getrieben-Sein“.

Emotionale Instabilität

Schnelle Stimmungswechsel, Reizbarkeit, Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation („Rejection Sensitivity“).

ADHS bleibt im Erwachsenenalter oft unerkannt oder wird mit Depressionen, Angststörungen, Burnout oder Borderline verwechselt. Eine fundierte Diagnose und Behandlung können die Lebensqualität deutlich verbessern.

Hormonelle Einflüsse: ADHS und der weibliche Zyklus

ADHS-Symptome bei Frauen sind nicht konstant, sondern schwanken oft erheblich mit dem Hormonzyklus. Der Hintergrund: Östrogen erhöht die Dopamin-Verfügbarkeit im Gehirn, und genau dieser Botenstoff ist bei ADHS schon im Grundzustand reduziert. Sinkt das Östrogen, verschärfen sich die ADHS-Symptome.

Symptomverlauf über die Zyklusphasen
  • Follikelphase (Tag 1–14): Östrogen steigt an. Symptome häufig milder, bessere Konzentration, mehr Energie, emotional stabiler.
  • Ovulation (Tag 12–16): Östrogen-Hochpunkt – viele Frauen berichten in dieser Phase über die beste kognitive Leistungsfähigkeit.
  • Lutealphase (Tag 15–28): Östrogen sinkt, Progesteron steigt – ADHS-Symptome verstärken sich oft: mehr Vergesslichkeit, Reizbarkeit, Erschöpfung.
  • Prämenstruell (letzte ~7 Tage): Östrogen sehr niedrig – stärkste Symptomverschärfung. Häufige Verwechslung mit PMDD (prämenstruelle dysphorische Störung).

Wichtig in der Behandlung

Bei ADHS-Medikation (z. B. Stimulanzien wie Lisdexamfetamin/Elvanse) kann eine zyklusabhängige Dosis-Anpassung sinnvoll sein – in der Lutealphase und prämenstruell ist oft eine etwas höhere Dosis nötig, da die Wirksamkeit durch den fallenden Östrogenspiegel reduziert ist. Diese Anpassung sollte mit einer fachärztlich-psychiatrischen Praxis besprochen werden.

Hormonelle Einflüsse: ADHS in besonderen Lebensphasen

Über den Monatszyklus hinaus gibt es vier Lebensabschnitte, in denen ADHS-Symptome bei Frauen besonders deutlich werden – häufig sind das die Phasen, in denen eine Diagnose erstmals gestellt wird:

Pubertät

Mit dem Einsetzen der Menstruation treten hormonelle Schwankungen erstmals auf. Viele Mädchen erleben jetzt erstmals Konzentrationsprobleme, depressive Verstimmungen, Selbstwert-Einbrüche. Häufig wird das fälschlicherweise nur als „Teenager-Phase“ abgetan.

Schwangerschaft

Die Östrogenwerte sind dauerhaft hoch – viele Frauen berichten von einer „besten Zeit“, in der ADHS-Symptome stark zurückgehen. Postpartal stürzen die Hormonwerte jedoch ab, was mit erhöhtem Risiko für postpartale Depressionen und einem deutlichen Wiederauftreten der ADHS-Symptome einhergeht.

Perimenopause (ca. 40–50 Jahre)

Östrogen schwankt zunehmend stark und sinkt insgesamt. Viele Frauen erleben einen massiven Anstieg der ADHS-Symptome – oft gepaart mit „Brain Fog“, Erschöpfung, neu auftretender Vergesslichkeit, Schlafstörungen und emotionaler Labilität. Häufig wird in dieser Phase erstmals eine ADHS-Diagnose gestellt, weil die bisherigen Kompensationsstrategien nicht mehr ausreichen.

Menopause und Postmenopause

Östrogen bleibt dauerhaft niedrig. ADHS-Symptome können auf hohem Niveau bestehen bleiben. Eine Kombination aus ADHS-spezifischer Therapie, ggf. Hormonersatztherapie (HRT, in Absprache mit Gynäkologie) und Medikation kann hier deutlich helfen.

Wenn Sie sich wiedererkennen…

Viele Frauen, insbesondere in der Perimenopause, denken zunächst an „Wechseljahres-Beschwerden“ oder beginnende Demenz. Tatsächlich handelt es sich häufig um eine bislang unerkannte ADHS, die durch den Hormonabfall „demaskiert“ wird. Eine fundierte Diagnostik kann hier Klarheit schaffen. Weitere Informationen unter Diagnostik.

Autismus im Erwachsenenalter

Autismus (Autismus-Spektrum-Störung, ASS) ist eine neurologische Entwicklungsbesonderheit, die das gesamte Leben beeinflusst. Im Erwachsenenalter zeigen sich oft Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion, Kommunikation, sensorischen Verarbeitung sowie ausgeprägte Spezialinteressen und Bedarf an Routinen.

Typische Merkmale bei Erwachsenen

Soziale Interaktion

Schwierigkeiten beim Lesen nonverbaler Signale (Mimik, Körpersprache), Ironie und Sarkasmus oft schwer interpretierbar. Gruppensituationen oft anstrengend.

Sensorische Sensibilität

Verstärkte Wahrnehmung von Geräuschen, Licht, Berührung, Gerüchen. Reizüberflutung kann zu Erschöpfung und Meltdowns führen.

Spezialinteressen

Tiefe, oft fachlich-detaillierte Interessen. Können beruflich sehr produktiv sein, aber auch Alltagsfunktionen erschweren.

Routinen & Struktur

Bedürfnis nach klaren Abläufen, Schwierigkeiten mit Veränderungen, Stress bei unerwarteten Ereignissen.

Viele Erwachsene mit Autismus haben außergewöhnliche Fähigkeiten in spezifischen Bereichen (z. B. Detailwahrnehmung, Logik, Mustererkennung). Häufig besteht zudem eine Hochbegabung – gerade dann sind Maskierung und Kompensation besonders stark ausgeprägt, was eine späte Diagnose begünstigt.

Maskierung („Camouflaging“) – besonders bei Frauen

Frauen und Mädchen mit Autismus zeigen häufig ein anderes Erscheinungsbild als die klassischen, an Jungen entwickelten Diagnosekriterien: Sie kompensieren ihre Schwierigkeiten durch bewusstes Imitieren sozialer Verhaltensweisen, Beobachten und Nachahmen. Dieses „Masking“ ist enorm anstrengend und führt langfristig oft zu:

  • Chronischer Erschöpfung und „autistischem Burnout“
  • Depressionen und Angststörungen
  • Identitätsproblemen und dem Gefühl, „nie ganz man selbst zu sein“
  • Späten Diagnosen – oft erst in der Lebensmitte oder Perimenopause

Hormonelle Einflüsse: Autismussymptome und der weibliche Zyklus

Auch bei Autismus gibt es deutliche Hinweise, dass Symptome – besonders die sensorische Empfindlichkeit und die soziale Belastbarkeit – mit dem Hormonzyklus schwanken. Forschungsstand und klinische Erfahrung deuten darauf hin, dass auch hier Östrogenschwankungen eine zentrale Rolle spielen.

Symptomverlauf über die Zyklusphasen
  • Follikelphase: Höheres Östrogen – oft bessere Reizverarbeitung, Maskierung gelingt leichter, soziale Situationen weniger anstrengend.
  • Lutealphase: Sinkendes Östrogen – sensorische Empfindlichkeit nimmt zu, Geräusche, Licht und Berührungen werden intensiver wahrgenommen.
  • Prämenstruell: Höchstes Risiko für Meltdowns und Shutdowns. Maskierung wird zu energieintensiv, Erschöpfung und Reizüberflutung dominieren.
  • Menstruation: Zusätzlich körperliche Reize (Schmerz, Krämpfe) können bei autistischen Frauen besonders belastend sein und Funktionsfähigkeit deutlich einschränken.

Hormonelle Einflüsse: Autismus in besonderen Lebensphasen

Pubertät

Beginnende Zyklusabhängigkeit der Symptome. Soziale Anforderungen nehmen sprunghaft zu, viele Mädchen entwickeln in dieser Phase Angst- und depressive Symptome.

Schwangerschaft & postpartal

Hormonelle Umstellungen können sensorische Empfindlichkeiten verstärken. Die Anforderungen der Säuglingsversorgung (Schreien, Schlafentzug, Reizüberflutung) belasten autistische Mütter oft besonders stark.

Perimenopause

Häufige Phase für späte Autismus-Diagnosen. Der Östrogenabfall führt zu einer verstärkten sensorischen Überempfindlichkeit, Maskierung gelingt nicht mehr, der sogenannte autistische Burnout wird deutlich sichtbar.

Menopause

Niedrige Östrogenspiegel können dauerhaft zu erhöhter Reizempfindlichkeit und reduzierter Belastbarkeit führen. Häufig hilft eine Anpassung der Lebens- und Arbeitsstruktur (mehr Pausen, weniger Reize). Auch eine Hormonersatztherapie kann erwogen werden.

Hinweis

Die Forschung zur Zyklusabhängigkeit autistischer Symptome ist noch jung, klinische Beobachtungen sind aber konsistent. Wenn Sie spüren, dass Ihre Belastbarkeit zyklus- oder phasenabhängig stark schwankt, ist das ein wichtiger Hinweis in der Diagnostik – bitte erwähnen Sie das im Anamnese-Gespräch.

Differentialdiagnostik

Sowohl ADHS als auch Autismus werden häufig mit anderen Störungsbildern verwechselt. Die folgenden Abgrenzungen helfen bei der diagnostischen Einordnung.

ADHS und Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) zeigt viele Symptome, die auch bei ADHS beobachtet werden. Die Differenzierung ist wichtig, um eine effektive Therapie einzuleiten. Ein häufiger Unterschied liegt in den Auslösebedingungen und der Dauer von Impulsdurchbrüchen:

Merkmal ADHS Borderline (BPS)
Dauer der Impulsdurchbrüche Kurze Dauer, aber heftig Eher lange Dauer
Auslöser Verschiedenste Auslöser Meist zwischenmenschliche Auslöser

Affektive Störungen im Vergleich zu ADHS

Merkmal ADHS Bipolare Störungen
Erkrankungsalter Zeigt sich früh (typisch bis 12. Lebensjahr) Meist später (Ø 26 Jahre)
Konsistenz der Symptome Symptome konstant präsent Verläufe episodisch
Stimmungsauslöser Reagiert intensiv auf persönliche Erlebnisse Schwankungen können ohne klare Auslöser einhergehen
Geschwindigkeit Reaktionen folgen unmittelbar Übergänge brauchen länger
Dauer Erregungen kurz und intensiv Stimmungen mind. 2 Wochen (DSM-V)
Familienanamnese Familiär gehäuft, oft mehrere Fälle in der Familie Familiär gehäuft

ADHS, Autismus, Trauma und Dissoziation

ADHS, Autismus, Trauma und Dissoziation werden inzwischen häufig in Zusammenhang gebracht. Es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber auch deutliche Unterschiede. In der Diagnostik ist wichtig zu untersuchen, inwieweit z. B. eine Autismus-Spektrum-Störung vorliegt – und inwieweit andere Schwierigkeiten parallel bestehen und sich gegenseitig beeinflussen.

Traumatische Erfahrungen können sowohl bei Menschen mit ADHS als auch mit Autismus auftreten. Sie können Symptome verschlimmern und die Stressbewältigung beeinträchtigen. Dissoziation kann ein Bewältigungsversuch sein – maladaptives Tagträumen, Depersonalisation oder Derealisation müssen jedoch sorgfältig von „Melt-downs“ bei Autismus oder dem „Tagträumen“ bei ADHS unterschieden werden, da sich Behandlungen deutlich unterscheiden.

Ihr nächster Schritt

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